Dorothee Bär mit Bloggerclub-Vorstand (v.l.) Franz Neumeier, Tanja Praske, Matthias J. Lange

Digitalministerin Bär: „Ich vertraue beim Reisen eher auf Blogger als auf jedes Magazin“

Bloggerclub-Interview mit Dorothee Bär, MdB

Deutschland hat mit Dorothee Bär erstmals eine Staatsministerin für Digitalisierung bei der Bundeskanzlerin im Kabinett. Grund genug sich für den Bloggerclub als Interessenvertretung der Blogger mit der Unterfränkin zu treffen und ihr auf den Zahn zu fühlen. Warum werden eigentlich Blogger von der Politik nicht ernst genommen?  Das Interview führten Tanja Praske, Franz Neumeier und Matthias J. Lange für den Bloggerclub.

Eine 360-Grad-Videoaufnahme des kompletten Videos gibt’s am Ende des Beitrags. 

Matthias J. Lange: Frau Bär, Sie sind die erste Digitalministerin der Bundesrepublik Deutschland. Wie fühlt man sich in diesem Amt?

Ich habe das Amt ja jahrelang gefordert und hätte aber nicht gedacht, dass ich es dann selbst einmal ausfüllen darf. Es ist tatsächlich so, dass es manchmal einem bewusst wird, dass es schon auch eine Pionieraufgabe ist. Ich fühle mich sehr gut. Aber ich merke natürlich auch, dass es ein Vorteil ist, dass man dem Amt auch einen eigenen Stempel aufdrücken kann und dass es trotzdem auch eine große Verantwortung ist. Es ist etwas, dass wichtig ist für unser Land ist und deshalb fühle ich mit mehr gut. Aber trotzdem spürt man dann auch die Verantwortung.

Matthias: Als Blogger sehen wir die Bedeutung des Themas genauso. Ihr Amt ist Manpower-mäßig sehr übersichtlich im Vergleich zu Ministerien. Kann sich so ein kleiner Apparat gegen diese Riesen-Ministerien durchsetzen?

Es ist, wie es der Name sagt, kein Ministerium, sondern ein Amt. Das merkt man natürlich, wenn man vier Jahre im Verkehrsministerium war und aus einem Haus kommt mit 22.000 Mitarbeitern und dann in ein Amt kommt mit 700 Mitarbeitern, ist das natürlich ein Unterschied. Aber letztendlich kommt es nicht nur auf die Menge an, sondern es kommt tatsächlich auf die Funktion an und auf die Tätigkeiten, die einem wichtig sind, was man umsetzen möchte. Und jetzt gebe ich zu, habe ich in den vergangenen vier Jahren nicht mit allen 22.000 Kolleginnen und Kollegen zu tun gehabt, da waren auch die ganzen nachgeordneten Behörden dabei. Faktisch waren es dann 1.600 vs. jetzt 700 und die Aufgabe im Kanzleramt ist ja in vielen Bereichen auch eine sehr koordinierende Stelle und deswegen klappt es gut. Aber ich sage auch offen und ehrlich, ein paar mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schaden auch nicht, deswegen sind wir gerade dabei, eine neue Abteilung aufzubauen. Es läuft so langsam an, wir haben die ersten Einstellungen schon getätigt und man merkt mit jeder neuen Stellenbesetzung, dass man natürlich auch noch mehr voranbringen kann.

Matthias: Zum Thema Blogs: Frau Bär, lesen Sie eigentlich Blogs und nehmen Sie Blogs eigentlich ernst?

Ernst nehmen definitiv, ob ich sie lese? Ja, wahrscheinlich nicht die Masse, die man lesen müsste, die mich auch interessieren würde. Also aus persönlichen Gründen habe ich auch eine sehr lange Zeit sehr viele Mütterblogs gelesen …

Matthias: Sie haben ja drei Kinder …

… ja, aber auch schon während der Schwangerschaften, dann halt auch die Erfahrungen von anderen Müttern, das fand ich auch immer ganz spannend. Und wenn man sieht, das ich glaube wenn mich nicht alles täuscht, ist das größte Thema Modeblogs. Hier gibt es die meisten Blogs, und dann geht’s tatsächlich ich in den Familienblogbereich herein. Wobei davon die Väter eine sehr kleinen Anteil haben, das sind dann mehr Mütter aktiv. Foodblogs und was ich auch wirklich schätze, so viel zum Thema ernst nehmen und Seriosität, ich vertraue z.B. beim Reisen eher auf Blogger als auf jedes Magazin oder auf jeden Reiseführer, den man sich kaufen kann.

Franz Neumeier: Das freut mich als Reiseblogger natürlich besonders …

Ich finde es authentischer, es macht mehr Spaß, man kann sich mehr damit identifizieren und es ist dann auch der ganz große Vorteil, dass es dann runtergebrochen ist auf die persönliche Lebenssituation. Ein Reiseführer muss natürlich alles abdecken. Aber wenn ich bei einem Blog jemandem folge, der Reisen speziell mit Familien, oder auch für Familien mit kleinen Kindern anbietet, ist das halt eine viel, viel bessere Quelle. Ich hab‘ dann auch schon Kontakt aufgenommen zu einen der andern Blogger, um dann nochmal persönliche Tipps austauschen zu können und das finde ich immer sehr gewinnbringend.

Tanja Praske: Wie sehen Sie und Frau Merkel die Rolle von Bloggern und Selfpublisher für die Gesellschaft, auch in Hinblick auf seriöse Meinungsbildung? Und wie sehen Sie deren Verhältnis zu den klassischen Medien?

Ich habe schon vor Jahren immer die Meinung vertreten, dass Print allein kein Qualitätsmerkmal ist und dass auch in Print sehr viel Schund stehen kann und teilweise immer noch steht. Da gibt’s ganz viel unseriöse Publikationen neben all den seriösen selbstverständlich, aber das, wenn man es auf die Kurzformel zusammenfassen müsste, ist nicht alles, was Schwarz auf Weiß gedruckt ist, richtig und alles, was in diesem bösen Internet steht ist unseriös. Ich denke, das hat ganz viel damit zu tun, wer die handelnden Akteure sind, wer die Personen sind, die dahinter stehen und deswegen ist eben auch so eine gute Medienerziehung wichtig, dass man weiß, auf welche Quellen kann man sich verlassen, wem kann man da trauen, egal wer da wo was publiziert. Und ich habe auch schon vor Jahren dafür gekämpft, dass auch die Journalisten, die in Anführungszeichen nur online machen, die gleiche Vergütung bekommen, wie diejenigen, die halt dann ausgedruckt werden, weil es halt kein Qualitätsmerkmal ist. Stichwort „Konvergenz der Medien“, dass der Inhalt das Entscheidende ist, aber jetzt nicht, in welchem Bereich wie wo zu lesen bekommt.

Franz: Die Gesetzgebung orientiert sich nach wie vor an großen Unternehmen, klassische Medien-Unternehmen und zielt bei Restriktionen auf Großunternehmen wie Facebook. DSGVO ist ein typisches Beispiel, wo für Kleinunternehmer, Blogger die notwendigen Ausnahmen komplett fehlen, man regelrecht an diesen Vorschriften erstickt. Warum sind denn Blogger und selbständige Publizisten in der Gesetzgebung nach wie vor quasi nicht existent?

Ich glaube, das steht und fällt wahrscheinlich damit, das ist auch nur eine Vermutung, dass eben die Interessenvertretung nicht so gut organisiert ist, wie das in anderen Bereichen der Fall ist. Ich habe es schon oft erlebt, wie der Franke sagen würde: „das am lautesten schreiende Kind wird zuerst gewickelt“. Das halt diejenigen, die eine gut gehende Interessenvertretung haben, wo auch hauptberufliche Verbandsvertreter in den Ministerien oder im Bundestag ein- und ausgehen, dass diese Organisationen automatisch mehr Gehör haben. Das ist oft auch gar keine böse Absicht, sondern liegt auch daran, dass, je mehr Kollegen damit penetriert werden, desto eher kümmert man sich auch darum. Wahrscheinlich ist das eine ganz natürliche Sache und Blogger haben jetzt auch ein Bloggerclub, aber es ist jetzt nicht so wie ein andere großer Verband mit einem hauptberuflichen Hauptgeschäftsführer, der Tag und Nacht nichts anderes tut als die Interessen in der Politik zu vertreten. Das ist mir zumindest nicht bei den Bloggern untergekommen. Vielleicht lerne ich heute, dass ich den einfach noch nicht kennengelernt habe …

Matthias: Wir arbeiten dran …
Dorothee Bär im Interview mit (v.l.) Tanja Praske, Franz Neumeier, Matthias J. Lange
Dorothee Bär im Interview mit (v.l.) Tanja Praske, Franz Neumeier, Matthias J. Lange
Franz: Haben Sie als Koordinatorin für digitale Themen in der Regierungspolitik bereits Initiativen, stärker darauf zu achten, dass auch Interessen von Leuten in die Gesetzgebung eingehen, die nicht diese große Lobby-Macht aufbauen können, keine großen Finanzmittel haben, auf keine großen Verbände zurückgreifen können?

Ich habe zumindest schonmal angefangen, auch wenn das die Blogger noch nicht ganz zufrieden stellt, aber da sind auch Blogger dabei, bei dem ganzen Thema Influencer, Social Media Marketing, der ganze Bereich des Abmahnwahnsinns, das wir da jetzt ausgemacht haben, auch mal mit den Landesmedienanstalten einen Runden Tisch im Kanzleramt zu veranstalten, eben auch wegen Kennzeichnungspflicht und ähnlichen Themen und das sind ja auch vielen dabei, die neben ihrem Instagram-Account ein Blog betreiben, wo sie die Themen auch nochmal zusätzlich ausbreiten und das wäre vielleicht auch so eine Ansatz, der vielleicht nicht 1:1 kongruent ist, aber wo man sich da entweder anhängen bzw. dann draufsatteln könnte.

Franz: Wie kann man erreichen, dass die Politik eine stärkere Differenzierung wahrnimmt zwischen sehr Marketing-/PR-orientierten Influencern und andererseits Bloggern, denen es vor allem  gesellschaftlichen Meinungsbildung geht, die quasi journalistische Arbeit leisten, auch wenn viele von ihnen den Begriff „Journalismus“ nicht verwenden würden, aber eben gesellschaftlich da eine ganz andere Rolle spielen als Influencer?

Ich würde es zum Beispiel nicht so harsch beschreiben, wie Sie das tun, weil es viele gibt, die sich Influencer nennen, diejenigen, die tatsächlich etwas beeinflussen wollen, die aber gar keine Werbung machen, sondern in die absurde Situation kommen, nur weil irgendetwas getaggt ist, oder weil der Boyfriend, Girlfriend auch Influencer ist und die diese nur erwähnen, dass es dann auch wieder – zumindest Stand jetzt – auch von bestimmten Gerichten dann als Werbung adressiert werden sollte, obwohl es eigentlich gar keine ist.
Man muss tatsächlich auch nochmal besser ausdifferenzieren, was eigentlich der Gemeinsinn ist. Natürlich sind die Themen unterschiedlich, natürlich sind Sie auch über das ganze Land verteilt, aber ich glaube, so wie Sie das jetzt beschrieben haben, habe ich das erste Mal jetzt auch so das Gefühl gehabt, dass es da schon scharfe Abgrenzungen zumindest von ihrer Seite, aus Ihrer Sicht da gibt und die Abgrenzung z.B. zum Journalisten war mir jetzt auch nicht so bewusst, weil ich schon das Gefühl hatte, dass es eigentlich das was ähnliches bzw. fast was identisches ist, was da stattfindet …

Franz: … ja, das sind eher Begrifflichkeiten.

So, und deswegen tut man sich leichter, auch als Politiker damit zu arbeiten, als wenn es dann eben unterschiedliche Interessen sind. Ich merke das bei ganz unterschiedlichen Themen. Ganz einfaches Beispiel, aber früher war es leichter, insgesamt für die Politik, Interessensvertretung für Landwirte zu machen, als es nur den Bauernverband gab. Wenn dann Akteure der BDM dazu kommen und die einen sagen dies und die anderen sagen genau das Gegenteil von dem, was der andere Verband sagt, dann wird es auch schwerer, ein Interesse durchzusetzen. Deswegen ist es natürlich immer, je geeinter die Forderungen sind, desto erfolgreicher ist es dann auch mit der Umsetzung.

Matthias: Sie sind heute aus Rosenheim gekommen – und dabei sicherlich ab und zu durch ein Funkloch gefahren. Rufen Sie dann Ihren Verkehrsminister an und sagen: „mach‘ endlich was!“. Denn es ist ja nicht mehr tragbar, wie viele Funklöcher wir in unserem Land haben.

Ich telefoniere dann und dann ist mal der eine oder andere dran, mit dem man nicht telefonieren will und dann sage ich „oh, schade, ein Funkloch“. Nein, das kenne ich auch. Wir hatten gerade erst einen großen Mobilfunk-Gipfel auch in Berlin und wir haben die Situation, wenn es zur Ausschreibung der 5G-Frequenzen kommt bzw. zur Versteigerung im nächsten Jahr, dass dann tatsächlich auch nochmal mit den Mobilfunkanbietern ganz anders gesprochen werden kann. Es ist natürlich eine Situation, die nicht tragbar ist, weil sowohl Glasfaser, Erdverkabelung als auch der Mobilfunkbereich ein Brot-und-Butter-Geschäft ist, das muss laufen. Das ist jetzt nichts, was unser Land innovativ voranbringt, das ist die Basic-Infrastruktur, die einfach vorhanden sein muss. Punkt. Und da mangelt es ja auch nicht an technischem Unvermögen, es mangelt übrigens auch nicht an Finanzen, sondern meines Erachtens mangelt es am Willen. Natürlich werden die Betreiber sagen, es liegt schon auch am Geld, weil es an der einen oder anderen Stelle nicht wirtschaftlich ist, aber auf der anderen Seite ist es ja in vielen Gebieten wirtschaftlich, dass da Parallelstrukturen entstehen und da kann nächstes Jahr die Versteigerung auch die entscheidende Stellschraube zu sein, um da tatsächlich das Land nochmal flächendeckend abzudecken. Wir haben es ja auch versprochen, und zwar nicht als mittel- und langfristige Maßnahme, sondern auch als kurzfristige Maßnahme im Koalitionsvertrag. Und deswegen sind wir jetzt dabei bzw. die Bundesnetzagentur auch eine Vorschlag zu machen, wie dann jetzt auch tatsächlich – Stichwort „5G“ – wir in den nächsten Mobilfunkgeneration übergehen können.

Matthias: Sie hatten Medienkompetenz schon angesprochen: Wie kriegen wie diese Medienkompetenz nicht nur ins Land, sondern auch in die Politik und in die Verwaltung, in die Gerichte. Gibt’s da Vorschläge von Ihrer Seite?

Gerade das letzte, das mit den Richtern spielt es ja auch eine ganz große Rolle, wenn man sich auch mal die Urteile anschaut. Wenn man sich die Urteilsbegründung durchliest und dann in der Begründung erst einmal von zehn Seiten auf neu Seiten erklärt, was ist eigentlich ein Blogger, was ist eigentlich ein Influencer und dies in der Annahme, es checkt sowieso noch keiner in dem Land. Ich habe manchmal das Gefühl, ich sag’s mal ganz vorsichtig, dass es eher von der anderen Seite wenig Ahnung von den Themen gibt. Die Gesetze, die wir heutzutage haben, sind oft nicht kompatibel sind mit der technischen Entwicklung, die wir haben. Also auch da geht es ganz stark darum zu überlegen, ob da nicht dringend Anpassungen in ganz vielen Bereichen stattfinden müssen, weil sie nicht mehr auf die heutige Zeit passen.

Das hatten wir in der letzten Periode ganz deutlich erlebt, als wir unser digitales Testfeld auf der A9 einrichten wollten, dann hieß es, wir haben aber noch das Wiener Übereinkommen und das sagt nicht nur, dass immer beide Hände am Steuer sein müssen, sondern auch noch Pferdedroschken stehen da drin und dann auf meine Fassungslosigkeit, dann muss man halt das Wiener Übereinkommen ändern, waren dann auch viel nicht vorbereitet, weil man halt natürlich denkt, manches ist in Stein gemeißelt, was es eigentlich nicht ist.

Aber nochmal zum Thema Medienkompetenz an sich. Wir haben glaube ich viele Jahre sehr stark diesen Begriff „lebenslanges Lernen“ nie mit Leben gefüllt. Der war einfach so da und war aber auch nicht notwendig, weil man sich auch gut einrichten konnte. Irgendwann mal einen Beruf zu lernen, und da Jahre und Jahrzehnte zu bleiben, natürlich betriebsintern ein bisschen weiter zu bilden aber natürlich nicht in dieser Massivität und in diesen Umbrüchen, wie sie heute stattfinden. Deswegen brauchen wir da zum einen natürlich, bei den Kleinsten angefangen, Stichwort „Medienkompetenz“ auch gerade was wir vorhin besprochen haben, welchen Medien kann man vertrauen, wie kann ich mir eigentlich tatsächlich eine Meinung auch außerhalb einer Filterblase bilden. Zum anderen aber auch tatsächlich die ganze Gesellschaft da mitzunehmen und gerade diejenigen, da sind wir jetzt auch gerade im Kanzleramt dran bei der Frage, wie schaffen wir es eigentlich, unsere eigenen Mitarbeiter da immer so zu schulen, fit zu machen, dass da auch jeder mitkommt und bei den Verwaltungen ist es das gleiche. Wir starten ja mit einem Portalverbund, um unsere ganzen Verwaltungsdienstleistungen, die digitalisiert werden sollen, 575 an der Zahl, jetzt erst einmal seit August in einer Beta-Version und dann im Oktober tatsächlich live zu schalten. Und das erfordert dann auch dieses lebenslange Lernen, diese lebenslange Medienkompetenz, auch in der kleinsten Gemeindeverwaltung in ganz Deutschland. Das ist auch eine Aufgabe für jeden Arbeitgeber an der Stelle.

Franz: Das konkreteste und größte Problem in der Bloggerwelt ist die Sorge vor ungerechtfertigten Abmahnungen, gegen die sich Unternehmen wehren können, der einzelne Blogger aber nahezu nicht. Wie ist denn der Stand der Dinge bei den ja schon angekündigten Initiativen, missbräuchliche Abmahnungen zu unterbinden?

Da hatte ja selbst die Kanzlerin gesagt, dass wir uns dem massiv in den Weg stellen werden, wenn es eben zu dieser Abmahnindustrie kommt. Ihre Aussage war konkret auf die DSGVO bezogen, aber das gilt ja für die ganz unterschiedlichen Themenbereiche und da weiß ich, dass jetzt nicht öffentlich, aber sagen wir mal in internen Schulungen auch bei Juristinnen und Juristen, die sich da zur Aufgabe gemacht haben, zum Beispiel Blogger zu schützen, dass sie sagen, reagiert nicht auf jedes Schreiben als aller erstes mit „ich zahle, dann habe ich Ruhe“, sondern die tatsächlich dann auch aufrufen, sich da zusammenzuschließen, die auch raten, was ich auch spannend finde, das habe ich jetzt auch zuletzt das erste Mal so gehört, das man sich so quasi ein Spielgeld immer in der Schublade halten sollte, was aber jetzt nicht ein Betrag von 2.000 Euro übersteigen sollte – da dachte ich mir schon, dass das wahnsinnig viel Geld ist, ich finde jetzt nicht, das „Spielgeld“ da der richtige Begriff ist – aber gut, sei einmal dahingestellt, aber dass man dann tatsächlich auch nochmal wesentlich stärker unsere Unterstützung braucht, dass z.B. immer erst einmal bei der ersten Abmahnung es eine reine Abmahnung sein darf, ohne dass dann gleich Geld fließen muss.

Franz: Darauf zielte meine Frage eigentlich: Was tut der Gesetzgeber, damit Abmahnungen wirtschaftlich unattraktiv werden, dass „Abmahnung“ kein Geschäftsmodell mehr für unterbeschäftigte Anwälte ist?

Deswegen haben wir gesagt, wir beobachten jetzt von Anfang an, ab Mai, wie sich das Gesetz dann auch tatsächlich auswirkt. Bislang ist der ganz große Sturm noch ausgeblieben. Was aber nicht heißt, dass nicht bestimmte Entwicklungen beobachtet werden. Einmal eben diese Industrie auch bestimmte Kanzleien, die nur den Auftrag haben, abzumahnen. Aber das hat es jetzt auch schon gegeben, da sind wir jetzt auch gerade dran, dass sich auch so genannte gemeinnützige Vereine, die aber auch nur von Abmahnanwälten unterwandert sind, zusammengeschlossen haben und dann eben auch gleichzeitig wieder an bestimmten Tischen bei der Regierung dabei zu sein. Das wird sehr genau beobachtet und auch unterbunden. Also die haben da kein Standing, keine Reputation und dürfen dann selbstverständlich auch an solchen Runden nicht teilnehmen. Aber dann auch die Frage, kann man da die Gemeinnützigkeit entziehen? Also wir werden das engmaschig beobachten und ich kann nur anbieten, dass jeder einzelne Fall auch tatsächlich uns gemeldet wird, geschickt wird, dass wir dann auch gemeinsam vom Kanzleramt aus ans zuständige Innenministerium und ans Justiz- und Verbraucherschutzministerium dann auch dann die Fälle sammeln und sagen, so entwickelt es sich in unserem Land, das wollen wir nicht und es ist auch eine so kritische Masse – das wird jetzt keine Lex für ein zwei Fälle machen – aber wenn tatsächlich sich durchzieht und eine kritische Masse ist, wie es vor Jahren schon einmal war, als die ersten 13-, 14-jährigen sich da eigene Websites erstellt haben und da Shakira-Videos gepostet haben und die Eltern dann mit Tausenden von Euro belangt wurden wegen Urheberrechtsverletzungen, da wird man das auch dann in jedem Fall unterbinden, wenn es tatsächlich zu der großen Welle kommt.

Franz: Warum muss man da abwarten? Denn die Mechanismen, die Systematik ist ja aus der Vergangenheit bekannt, das wiederholt sich ja nur mit einem anderen Gesetz, aber die Mechanismen dieser missbräuchlichen Abmahnungen sind ja immer die gleichen …

Wie gesagt, wir haben jetzt auch gesagt, nachdem es jetzt am 25. Mai in Kraft getreten ist, es ist in manchen Fällen ähnlich, in anderen unterschiedlich gelagert, dass wir da bei Inkrafttreten der Verordnung ja festgelegt haben, dass wir eine permanente Evaluierung durchführen und das ist ja nicht bei jedem Gesetz und bei jede Verordnung der der Fall. Deshalb glaube ich schon, dass man jetzt in dem Fall mal ein paar Monate abwarten sollte, geht aber auch nur im engen Zusammenschluss mit den seriösen Verbraucherschutzverbänden, aber auch dann mit den einzelnen, die sich dann auch tatsächlich bei den Vergehen an uns wenden oder dann an andere Akteure oder die teilweise ja auch schon eigene Anwälte haben, die dann auch mal die Fälle gesammelt vorbringen können.

Matthias: Zum Abschluss eine persönliche Frage. Sie sitzen im Kabinett mit Ministerinnen, Minister. Müssen da gelegentlich auch technischen Support leisten, oder sind das alles Cracks und Geeks und kennen sich aus?

Ich glaube, es sind nie immer überall nur Cracks und Freaks, aber es sind auch viele dabei, die sich auskenne. Ich gebe dann manchmal eher so ungefragt Tipps im einen oder andern Fall. Aber wir haben jetzt immerhin durchgesetzt, dass wir jetzt ab der ersten Kabinettssitzung in diesem Jahr auch ein digitales Kabinett haben. Unser Kabinett ist komplett mit den Unterlagen durchdigitalisiert. In der letzten Periode war ich ja auch mehrmals, aber in Vertretung meines Ministers am Kabinettstisch und dann hatten wir immer drei, vier Aktenordner bekommen und am Schluss sind einem dann die Leute hinterher gelaufen und haben Zettel ausgetauscht, wenn sich etwas verändert hat.

Und beginnend in dieser Legislaturperiode in dieser Bundesregierung hat jeder, also nicht jeder, aber ich war in der ersten Runde natürlich gleich mit dabei mit einem Tablet und dann ab der zweiten Sitzung hatte jeder eines und das ist halt jetzt wirklich ideal, weil alle die gleichen Unterlagen haben und weil jede Aktualisierung automatisch aufgespielt wird. Da gab’s am Anfang noch etwas Nachhilfe, was aber auch daran liegt, dass es ein Produkt ist, was jetzt noch nicht jeder hatte, ich auch nicht. Ich habe auch andere Geräte benutzt und man muss sich dann trotzdem erst daran gewöhnen, weil die Funktionen etwas anders ist als bei den Geräten, die ich bislang benutzt habe. Aber jetzt so richtige Unterstützung, Support, ja, gibt’s auch mal im einen oder andern Fall. Ode ich bin immer diejenige, die gefragt wird, egal wo wir sind, wie das Wlan-Passwort lautet, weil offensichtlich immer jeder annimmt, ich bin dann die erste, die das dann auch hat und deswegen erkundige ich mich schon, weil ich weiß, es kommt sowieso jetzt gleich wieder jemand.

Matthias: Wie ist denn das Wlan-Passwort im Kanzleramt?

Wlan gibt’s leider nur im öffentlichen Bereich und zwar nur im Konferenzbereich. Es gibt’s nicht im ganzen Kanzleramt.
Aber spannend ist, wenn ich dann jetzt mal die Accounts von einigen Kollegen mir anschaue, Instagram, oder andere, sage ich mal, wenn Du das so oder so machst, kriegst Du auch mehr Follower. Aber da werde ich nicht gefragt, das sage ich dann einfach so.

Matthias: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei Ihrer Veranstaltung hier heute Abend. Wie ist denn das Wlan-Passwort hier?

Ich habe keine Ahnung. Aber nachdem ich so gut wie nie ins öffentliche Wlan gehe, ist es für mich auch nicht so entscheidend. Ich habe einen guten Mobilfunk-Vertrag.

Das Interview führten Tanja Praske, Franz Neumeier und Matthias J. Lange für den Bloggerclub e.V.

Interview als 360-Grad-Video:

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